Es war einmal…das Märchen von Sex, Drugs and Rock´n´Roll (Interview mit Otte von Blattturbo!)

Okay – das ist vielleicht etwas heftig ausgedrückt. Aber leider die Wahrheit. Sehen wir den Tatsachen ins Auge: Die einzigen, die diesen Lebensstil noch wirklich pflegen können sind entweder sehr erfolgreiche Bands mit einem großen und effizienten Team, die sich somit voll und ganz auf Ihr „Rockstar sein“ konzentrieren können – oder unambitionierte Bands, die Probe für Probe dieselben 8 Songs spielen, weil sie mehr mit dem „Rock´n´Roll“ Lifestyle als mit spielen beschäftigt sind.

Aber warum ist das so?

Man muss schon sehr hinter´m Mond wohnen, wenn man nicht schon am eigenen Verhalten den Wandel der Zeit mitbekommen hat. Das beschränkt sich nicht nur auf die Digitalisierung der Musik – viele nutzen in erster Linie Spotify und Co. um Musik über das Mobiltelefon zu hören. Daher muss man als ambitionierte Band zumindest schauen, dass die eigene Musik auf den gängigsten Plattformen landet (HIER unsere Empfehlung für unkomplizierten digitalen Vertrieb ohne Abstriche).

Aber das Hauptproblem, dem sich gerade Newcomer gegenüber sehen ist die Flut an Angeboten im Bereich der Live-Musik. Zum Beispiel gibt es aktuell 500+ aktive Rock- und Metalbands allein in der Region Köln – Düsseldorf. Durch diese Flut an Bands hat der durchschnittliche Fan eine reiche Auswahl an Bands, die er sich anhören und vor allem, zu deren Konzerten er gehen kann. Das bedeutet für die einzelne Band, dass es unbedingt notwendig ist, anstehende Gigs auch in eigener Anstrengung bekannt zu machen oder platter ausgedrückt: Werbung zu machen.

Aber ist das nicht Aufgabe des Veranstalters?

Nein, nicht nur. Auch wenn es uns „damals“ so vorkam – wo es noch kein Überangebot gab – so haben auch schon in den 60ern, 70ern und 80ern usw. die Bands selbst Plakate aufgehängt, Flugzettel verteilt, ihre Freunde angerufen…Natürlich gibt der Veranstalter, gerade bei Festivals, die Basis vor: Aufmachung, Logos, Pressearbeit, Werbung in Print etc.

Und ja, natürlich gibt es auch Veranstaltungen, die sich selbst vermarkten – Wacken, Wave-Gotik-Treffen, Rock am Ring um nur ein paar zu nennen. Aber dort Slots zu bekommen ist nicht so einfach und nicht selten mit erheblichen Kosten verbunden.

Aber Fakt ist: gerade als Newcomer Band, dass man zumeist am Anfang kleine Gigs spielen wird. Als Support für eine Band, die weiter ist als man selbst. Auf selbst veranstalteten Konzerten und kleinen, lokalen Festivals. Wenn man also nicht gerade Supportband für einen sehr bekannten Act spielt gilt:

Die Mitarbeit der Band in Bezug auf Werbung und Bekanntmachung der Veranstaltung ist unabdingbar!

Aber nehmt nicht unser Wort dafür – wir haben uns darüber mit Otte von Blattturbo – Wir stellen vor unterhalten. Neben dem Magazin und der Veröffentlichung der beliebten Sampler veranstaltet Otte ausserdem dieses Jahr zum dritten Mal in Folge das Escalate Festival in Euskirchen. Gesprochen haben wir vor allem auf die Herausforderungen, denen er als Veranstalter eines jungen Underground Festivals gegenüber steht und über die Rolle der Bands bei der Bewerbung des Events.

Hallo Otte, vielen Dank für die Gelegenheit, einen Einblick in die Veranstalterpraxis zu bekommen. Du veranstaltest dieses Jahr zum dritten Mal in Folge das Escalate Festival in Euskirchen. Kannst du uns kurz darstellen, was deine Motivation für dieses Festival ist und worum es geht?

Hallo Sven! Danke, das Du an mich denkst und ich hier meine Meinug zu Deinem Thema äußern darf. Meine Motivation für das Escalate Festival ist im Grunde ganz einfach gesagt: Die Undergroundszene ist sehr reichhaltig, viele Bands haben das Problem, dass sie keine Location finden um sich Live präsentieren zu können, da es zu viele Bands aber nur wenige Lokationen gibt. Das gilt auch für Festivals. Man liest nur noch: Festival wird abgesagt – wir können so nicht mehr weiter machen. Das kann so einfach nicht mehr weiter gehen. Klar ist es immer ein finanzelles Riskio etwas zu veranstalten. Vor allem dann, wenn man alleine da steht und die ganze Organisation alleine auf sich nimmt. Würde ich dies nicht mit Leidenschaft und voller Überzeugung tun, wäre dies absolut nicht machbar.

Was sind die Herausforderungen – um nicht Schwierigkeiten zu sagen – denen du dich da gegenüber siehst?

Die Herausforderung ist, um es mal ganz klar zu sagen, dass es hier in Euskirchen nichts mehr für die Rockszene gibt und man diese nicht unterstützen mag oder will. Seit dem ersten Escalate Festival frage ich immer wieder nach, ob man nicht diese Veranstaltung sponsern möchte. Immer wieder kommt die gleiche Antwort: Nein, wir haben kein Budget mehr dafür. Mmmmh, dies macht mich nachdenklich, da man immer wieder sieht, dass ein Festival mit elektronischer Musik oder sogar diverse Schlager Veranstaltungen non-stop unterstützt werden. Mittlerweile ist es mir egal. Für 2018 habe ich schon gar nicht mehr nachgefragt. Es ist im Grunde zwar schade, dass das Escalate Festival von außerhalb der Region supportet wird, aber mittlerweile habe ich mich damit abgefunden. Aber nicht nur das ist eine Herausforderung, sondern auch die Kosten so gering wie möglich zu halten, um das Beste für die 10 Teilnehmenden Bands herauszuholen. Dies ist eigentlich das Schwierigste von allem.

Wie bewirbst du das Festival konkret? Welche Kanäle benutzt du und welche sind deiner Meinung nach am effektivsten?

Am effektivsten würde ich direkt sagen: Promoten auf diversen Festivals oder Vernstaltungen mit meinem BlattTurbo Stand. Da hat man immer den direkten Kontakt zu dem Publikum. Aber auch die Werbung über Facebook oder das Verteilen und Aufhängen von Plakaten. Wobei ich sagen muss, dass man schon investieren muss um ein paar Plakate aufhängen zu dürfen, da es nicht mehr so ist wie früher, als an jeder Ecke noch ein Infobrett hing.

Wie schätzt du die Rolle der Bands, die beim Escalate Festival auftreten, in Bezug auf die Vermarktung ein?

Das ist das Wichtigste am ganzen Festival eigentlich. Je mehr sie auf die Veranstaltung aufmerksam machen,desto mehr wird sie wahr genommen.ESCALATE FESTIVAL - 17.11.2018

Und wie klappt das bisher?

Ganz schleppend. Es ist wie immer. Man hat bei 10 Bands vielleicht 4 die sich den Arsch aufreißen ihre Fans davon zu überzeugen, zum Escalate Festival zu kommen. Und dann die jenigen, die zwar mal was erläutern, aber das ist dann meistens ein- bis zweimal in 3 Monaten. Es ist schade. Denn eigentlich sollten sie wie auch der Veranstalter alles dafür tun, dass es eine riesige Abrissparty wird. Vor allem dann, wenn man weiß, dass der Erlös an sie [die Bands, Anm. d. Red.] geht. Seien wir mal ehrlich: Klar spielen sie zunächst ohne eine Gage, aber wo bekommt der Opener genauso viel vom Erlös ab wie der Headliner? Wo bekommt man nach Abzug der Miete für die Location den kompletten Erlös? Ich selber nehme nichts von dem was dabei übrig bleibt. Klar könnte ich sagen: „Ich nehme mir auch meinen Anteil, schließlich organisiere ich alles und und und…“ Nein, ich will nichts davon. Ich bekomme einen geilen Tag, lerne viele neue Menschen kennen, gebe Bands eine Möglichkeit sich live zu präsentieren und mache auf mein Projekt BlattTurbo aufmerksam. Das reicht mir als Lohn für das was ich mache.

Was würdest du dir von den Bands als Unterstützung wünschen?

Im Grunde nur zwei Dinge. Viel mehr Werbung und eine geile Show. Mehr will ich gar nicht.

Wie schätzt du unsere Behauptung ein, dass die Zeiten von reinem „Sex, Drugs & Rock´n´Roll“ im Grunde vorbei sind?

Ich würde nicht sagen das sie vorbei sind. Ich würde eher sagen, sie sind vorerst auf Eis gelegt. Wenn ich die Wahl habe, und die hatte ich, mich zwischen Mainstream oder Underground Veranstaltungen zu organisieren entscheiden müsste, würde ich immer wieder Underground wählen. Weil nur da, und das ist leider die traurige Wirklichkeit, wird man so genommen wie man ist. Nur hier findet man noch die wahren Musiker. Diejenigen, die das Motto Sex,Drugs & Rock´n´Roll noch wirklich leben. Wobei man jetzt, liebe Kinder, nicht denken sollte, jeder Musiker nimmt Drogen. Also, der Rock´n´Roll ist noch da, nur muss er wieder erweckt werden.

Welche Dinge sollten Bands deiner Meinung nach beachten, wenn sie erfolgreich am Markt starten wollen? Was würdest du Bands konkret empfehlen, um ihre Chancen zu steigern?

Gute Frage. Am meisten sollten sie darauf achten, dass sie ehrlich und menschlich rüber kommen und das nicht nur als Show. Dass sie ehrlich zu sich und zu ihren Fans sind. Dass sie auch auf kleinen Veranstaltungen sich privat Blicken lassen, um den Veranstaltern zu zeigen: „Wir haben an dem was du machst Interesse“. Denn bewerben kann sich jeder und ist heute über einen Mausklick möglich. Da fällt mir eines noch zu ein: Ich habe zum ersten Escalate Festivals die Bands aufgerufen, kreativ bei ihrer Bewerbung zu sein. Leider kam nur eine Band diesem Aufruf nach. Ich bekam eine geile, handgemachte Bewerbung der Band THE HELLDOZERS per Post mit Kaffeeflecken und etwas Gebasteltem. Natürlich haben sie direkt gespielt. Weil sowas überzeugt. Man muss manchmal auf die alten Mittel zurückgreifen.

Vielen Dank für deine Zeit und deinen Einblick in die Veranstalterrolle. Wir wünschen dir viel Erfolg für das diesjährige Escalate Festival in Euskirchen! Für alle interessierten Leser, hier geht es direkt zur Veranstaltungsseite!

Fazit

Vielleicht lehnen wir uns mit unserer These doch etwas weit aus dem Fenster – aber besonders bei den kleinen Veranstaltungen zeigen uns die Erfahrungen von Otte, dass ein gewisser „Business“ Aspekt für ambitionierte Bands nicht fehlen darf. Denn wenn niemand von den Konzerten weiß, wird auch niemand hingehen – egal ob Club-Konzert oder Underground Festival. Und das sind die Orte, an denen die ganz großen Karrieren anfangen.

Habt Ihr Euch bei den Beschreibungen von Otte wiedererkannt? Oder möchtet Ihr es von vornherein besser machen? Vielleicht schreibt Ihr uns einfach mal an und wir sprechen unverbindlich darüber!

Bis zum nächsten Mal!

Euer Bandcoach

Vielen Dank an Otte von Blattturbo – Wir stellen vor!